Zonguldak

Zonguldak ist sowas wie das Linz der Türkei. Eigentlich eine Industriestadt, bekannt für den Steinkohleabbau. Also eigentlich nicht die Stadt, in der man unbedingt bleiben will. Weil uns aber Berran und Serdar (und der Rest der Familie) aufnehmen, bleiben wir trotzdem für zwei Tage hier. Und das erweist sich als Glücksfall – und wirft wieder mal alle Anatolien-Klischees über den Haufen Die beiden wohnen nämlich mit einigen anderen Familienmitgliedern in einem riesigen super-chicen Haus an der Felsenküste mit Meerblick. Am Schwarzmeer-Ufer gibt es tolle Fischrestaurants und Cafes a la Strandbar Hermann.

Aauf einmal ist Zonguldak so gar nicht mehr Industriestadt, sondern Nizza auf Türkisch.

Und wenn wir schon einmal da sind, absolvieren wir auch gleich das Touristen-Programm mit Tropfsteinhöhle und Bergbaustollen.

Wir sind nicht allein

nyffyBis Istanbul haben wir gerade mal zwei Fernradler getroffen. Einen Franzosen, der am Weg von Singapur zurück nach Frankreich war und einen Deutschen, der das Mittelmeer umrunden wollte.
In einem Istanbuler Radgeschäft haben wir vor einigen Tagen noch Andi aus der Schweiz kennengelernt. Er ist gerade von der Schweiz aus auf dem Weg nach Indien und hat eine ziemlich ähnliche Route wie wir. Ebenfalls durch die Türkei, dann Iran, die stan-Länder und, wenn geht, über Pakistan nach Indien.
Hier der Link zu seinem Blog: www.nyffy.ch

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Istanbul

Istanbul ist laut, stickig und eine riesengroße Autohölle: 10 oder 12 oder 14 Millionen Menschen leben hier – so genau weiß das keiner. Der Weg vom Stadtrand ins Zentrum führt auf jeden Fall gut 20km über eine 10-spurige Schnellstraße. Das war uns dann irgendwann zu gefährlich, sodass wir für die letzten Kilometer ins Zentrum wohl oder übel die Metro genommen haben.

Überhaupt ist Istanbul keine Stadt zum Radfahren. Ziemlich hügelig, völlig überfüllt (man hat ständig das Gefühl, alle Leute sind gerade gleichzeitig auf der Straße) und der Verkehr läuft in eher ungeordneten Bahnen. Aber macht nichts, wir wollen in den nächsten Tagen eh keine Räder sehen.

Obwohl überall Männer einfach so am Straßenrand sitzen und scheinbar gemütlich Tee trinken und plaudern, strahlt die Stadt eine unglaubliche Hektik aus. Marktschreier, Katzen, Hunde, Touristen, Autos, Straßenbahnen, Schiffe und wir mitten drin wie Franz Biberkopf am Alexanderplatz.

Wir bleiben drei Tage, klappern die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ab und lesen am Abend die dazugehörigen Wikipedia-Artikel. Yücel kocht immer Cay und Eier mit Tomaten und erklärt uns die Türkei.

Eines Morgens haben wir genug davon und es geht weiter. Mit der Fähre über den Bosporus und dann mit dem Rad weiter Richtung Nordosten an die Schwarzmeerküste. Istanbul zu verlassen ist zum Glück deutlich einfacher als das Hineinkommen.

Der Charles-Brigham-Faktor

charly_faktorVor einer Weile hatten wir zuhause in Wien Besuch von Charlie und seiner Begleitung Lilly. Charlie ist schon länger damit beschäftigt, die Welt auf dem Fahrrad zu bereisen. In Wien hat in aber eindeutig am meisten unsere Wohnung begeistert. Dort bastelte er an seinem Rad, surfte im Internet, kochte Unmengen Tee, genoss kühles Bier am Balkon und schlief sich mal richtig aus. Istanbul, muss ich nach einem Tag in dieser mit Sicherheit großartigen Stadt feststellen, hat einen hohen Charles-Brigham-Faktor. Anders gesagt: Wir haben unseren ersten fahrradfreien Tag seit zwei Wochen damit verbracht, lange zu schlafen, ausführlich zu frühstücken und dann von einem Kaffee zum anderen zu bummeln. Wenn wir am Abend zu unserem Gastgeber Yücel zurückkehren, wird er sich wohl genauso wie wir bei Charlie wundern, warum wir die ganzen Sehenswürdigkeiten links liegen gelassen haben. Aber: Morgen ist auch noch ein Tag.

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The Champ

Auf der Straße Richtung Istanbul treffen wir „The Champ“ Taymar Güner. Taymar – heute fast 80 Jahre alt und immer noch topfit – war in den 60er und 70er Jahren Radrennfahrer und erzählt das er beim Giro d‘ Italia Seite an Seite mit Fausto Coppi gefahren ist. Dann zeigt er uns noch Fotos von Rennen in den USA (wo er seit 40 Jahren wohnt) und von sich im Trikot des türkischen Meisters – wobei er aber auch gesteht, dass die Konkurrenz im türkischen Radsport nicht all zu groß war – schon gar nicht in den 60ern.

Ambivalente Türkei-Gefühle

Die Türkei heißt uns schon viele Kilometer vor der Grenze mit einer riesigen Flagge willkommen. Das Prozedere des Grenzübertritts ist das ein bisschen bürokratisch, aber mit dem Fahrrad haben wir die Sympathien auf unserer Seite und können an der wartenden Autoschlange vorbeiziehen. Landschaftlich wirkt der westlichste Teil der Türkei beim ersten Eindruck Österreich sehr ähnlich, Sorte niederösterreichisches Hügelland, dazwischen eingestreut ein paar Dörfer, die sich erst bei genauerem Hinsehen durch die obligate Moschee anstelle des Kirchturms von Mistelbach und co. unterscheiden. Dann die erste grobe Enttäuschung: Ein Straßenverkäufer drängt uns zwei seiner Sesamringe förmlich auf, nimmt die gereichten (umgerechnet) 10 EUR entgegen – und macht dann klar, dass er nicht gedenkt, Rückgeld zu geben. Hmm, reingefallen, wenn auch mit verschmerzbaren Verlusten. Dafür serviert uns, kurz später bei einer Cola-Pause an einer Tankstelle, der Tankwart netterweise einfach so einen Kaffee. Am nächsten Tag beim Frühstück, wir sitzen am Boden vor einem Mini-Markt, wieder etwas merkwürdiges: Eine Frau, etwa so alt wie wir und in voller Schleier-Montur, beugt sich gestreng zu mir herunter: Mein T-Shirt ist wohl am Rücken zu weit hinaufgerutscht, ich möge das umgehend korrigieren. Ok. Es geht positiv weiter: Ein netter älterer Herr stellt sich vor, er hat dreißig Jahre in Wien im dritten Bezirk gelebt und freut sich, mit uns zu plaudern. Ein anderer erwartet uns am Straßenrand mit einer Hand voll Kirschen. Später hält uns ein Polizeiwagen mit Blaulicht an – die Beamten sind aber scheinbar nur neugierig auf unsere Reisepläne und verabschieden sich schließlich, als sie davondüsen, mit einem lauten „Good Bye“ aus ihrem Megaphon. Und last, but not least, erwischen wir in Istanbul wieder einen interessanten Host: Yücel ist Schulpsychologe, Autohasser, Vegetarier und Agnostiker – und das erweist sich als gute Kombination.

Der Rest von Griechenland

Nach einem unglaublich heißen Tag (38 Grad) kommen wir is noch heißere Thessaloniki. Tesaloniki ist so wie man es sich vorstellt. Stickig, laut und eine einzige Verkehrshölle – natürlich fährt hier niemand Fahrrad. Ein bisschen ratlos was wir machen sollen, suchen wir uns ein Internet-Cafe und schauen erst mal ob wir hier bei wem Übernachten können. Wir haben Glück. Wenig später melden sich Veroniki und Christo, die uns für eine Nacht aufnehmen. Eine Stunde später sind wir bei ihrem super-chicen Haus am Stadtrand und werden versorgt mit allem was man nach einem Tag Radfahren so brauch: Dusche, Essen und Bier.

Östlich von Thesaloniki wird Griechenland ein wenig flacher aber immer noch hügelig. Touristen gibt es wenige, auf dem Fahrrad schon gar keine. Und so werden die zwei Spinner, die bei der Affenhitze durch die Gegend fahren ständig irgendwo auf irgendwas eingeladen. Bei der Dorf Taverne auf gegrillte Krabben, im Laden am Eck auf ein paar Kekse. An der Tankstelle auf einen Kaffee usw.

Bis zur Grenze zur Türkei sieht man dann noch viel Landwirtschaft und endlose Felder – sonst keine besonderen Vorkommnisse.

Hauptsaison vorbei – für immer!

Im Osten Griechenlands sind die goldenen Zeiten des Camping-Massentourismus scheinbar vorbei. Es gibt ein paar Campingplätze, ein paar Hotels ein paar Badestrände. Alle haben noch offen – nur Touristen sind keine da. Zumindest keine internationalen. Fast ausschließlich Griechen und ein paar Bulgaren.

Absolutes Highlight in Sachen All-Time-Nebensaison war jetzt Camping Cavapi. Was ausschaut wie die Überreste eines Bunkers aus dem 2. Weltkrieg ist der Campingplatz – nicht die Überreste. Der Campingplatz, so wie er immer noch in Betrieb ist.

Erster Platten, erste Stürze

Nach ziemlich genau 1000km ist es passiert. Unsere eigentlich unkaputtbaren Schwalbe Marathon Extreme Reifen mit Double Defense und allem, was es an High-Tech gegen platte Reifen so gibt, haben den ersten Platten. Ein winzig kleiner Pflanzendorn war groß genug. Wir denken mal, das ist Statistik – und das war jetzt der eine von statistisch 2 Platten auf 10.000km. Außerdem Glück im Unglück. Der Platten passiert genau vor einer Taverne mit Tankstelle, sodass wir uns wenigstens das aufpumpen von Hand ersparen.
Ansonsten laufen die Reifen aber super. Vor allem beim Bergabfahren in schnellen Kurven und auf losem Untergrund laufen sie wunderbar.

Auf klassisches menschliches Versagen sind hingegen die ersten Stürze zurück zuführen. Katharina vergisst auf die Klickpedale und kippt aus dem Stand in den Straßengraben – nix passiert.
Ich schlängle mich in Tessaloniki mit dem Rad durch zwei enge Poller durch – wie sich wenig später heraus stellt sind die Poller so eng, dass das Rad mit den Packtaschen nicht durch passt – kleine Schürfwunde am Ellenbogen, Daumen verstaucht.

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Land der Götter und Berge

In Griechenland ist ja praktisch überall Meer. Länder mit Meer liegen mehr oder weniger auf Meeresniveau – also ideal um mit dem Rad gemütlich dahin zu fahren. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das in Griechenland ganz anders aus. Die Götter stehen mit dem Menschen ja sowieso immer auf Kriegsfuß. Und so haben Zeus und seine Kameraden hier überall Berge hin gebaut. Gleich nach der Ankunft in Igoumenitsa geht’s mal locker flockig auf 600 Meter hoch und runter und hoch usw.
Richtig heftig wird dann der 3. Tag in Griechenland: von 500m aus müssen wir über den Kataras Pass auf 1695m. Das heißt ab Ioannina 40 km lang nur bergauf – 1200 Höhenmeter.Wenigstens meint es das Wetter gut mit uns. Es ist bewölkt und die Temperaturen im angenehmen Bereich. Ab 1400m Höhe wird es dann sogar so kühl und windig, dass wir die langärmligen Trikots auspacken müssen.
Einen guten halben Tag später – vorbei an Kühen mitten auf der Straße, Schildkröten, Skiliften und Schneeraupen und kopfschüttelnden Bergdorf-BewohnerInnen – haben wir es dann geschafft und sind oben. Lohn der Mühe. Eine tolle Aussicht und 60km Bergabfahrt von 1700m auf 200m Höhenmeter.

Die Technik ist ein Hund – auch in Griechenland. Und weil die Götter ja auf Kriegsfuß mit uns stehen, haben Kastor, Pollux oder Cerberus zugeschlagen! Beim Überspielen der Fotos von der Kamera auf den Computer haben sich auf jeden Fall einige in alle Ewigkeit in den virtuellen Hades verabschiedet.. Deswegen muss man es uns halt einfach glauben, dass wir auch wirklich ganz oben waren und nicht den neuen Autobahntunnel genommen haben. Die restlichen Fotos sind hier.

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