Wir sind wieder da!
30 Tage kurven wir jetzt schon durch Kirgistan und China ohne einen Kontakt zur Außenwelt. Unser Blog ist verwaist – und wird dafür jetzt umso ausgiebiger gefüttert. Es folgen einige Einträge über die vielen Eindrücke, die wir in den letzten Wochen gesammelt haben – 2500km Grand Tour in Fast Forward in chronologischer Reihenfolge.
Hallo China, Tschüss Blog
Gut 100 Tage unterwegs. Der Tacho zeigt ein bisschen was über 6000km. Noch ca. 300km und 3600 Höhenmeter und wir sind tatsächlich mit dem Rad nach China gefahren. Die erste Stadt im äußersten Westen Chinas wird Kashgar sein, die erste Provinz in China Xingjang. Wenn auch nicht Kashgar selbst, so war doch Xingjang Schauplatz der Unruhen zwischen Uiguren und Han-Chinesen vor ca. 2 Monaten. Als Konsequenz daraus haben die chinesischen Behörden nicht einfach den Zensur-Server angeworfen, sondern gleich das ganze Internet (und alle internationalen Telefonleitungen) abgedreht. In der gesamten Provinz Xingjang. Also nicht wundern, wenn sich im Blog in den nächsten Wochen nichts tut. Wir melden uns spätestens dann wieder, wenn wir Xingjang verlassen haben – in etwa einem Monat.
Bis dahin, danke fürs Blog-lesen bis hier hin! Schreibt uns ins Gästebuch oder ein E-Mail an katharina@grandtour.at oder christoph@grandtour.at
Der Talibart muss ab
Kirgisistan (und hier vorallem der schwer zugäengliche suedliche Teil) ist das letzte „muslimische Land“ bevor es ins „atheistische China“ geht. In Osch, der einzigen größeren Stadt, durch die wir in Kirgisistan kommen merkt man das auch. Der Anteil der verschleierten Frauen ist wieder deutlich höher. Am Markt und in Restaurants hängen Kalender, auf denen die täglichen Gebetszeiten eingetragen sind. Gleichzeitig merkt man hier auch schon den chinesischen Einfluss. Es gibt schon chinesische Nudelgerichte zu essen. Aber auch immer noch die Lammfleisch-Spießen und säckeweise saure Käsekugeln deren Geschmack schwer, aber am ehesten mit „für europäische Gaumen ungenießbar“ zu beschreiben ist.
Das Ende der muslimischen Heimsphäre ist absehbar – Zeit also, dass mein Talibart verschwindet . Sicher er hätte mich in den nächsten Tagen im Gebirge gut gewärmt und die Essensreste, hätten für die eine oder andere Brotzeit gereicht. Aber nach China wollen wir dann doch wieder als das Einreisen was wir sind: Halbwegs zivilisierter Atheist.
Durchs Farghana-Tal
Der Großteil der Usbeken lebt östlich von Tashkent im fruchtbaren Farghana-Tal.Von Tashkent aus sind es ca. 200km – und 2200 Höhenmeter. Nach über 1000 Kilometer Flachland stehen endlich wieder ein paar Berge in der Gegend rum. Am ersten Tag geht es noch recht gemütlich auf ca. 1000 Höhenmeter. Am zweiten Tag dann auf 2200 Meter Höhe und über den Pass. Zu Beginn noch angenehm spätsommerliches Wetter, wird es, je näher wir dem Pass kommen, ungemütlicher, auf den letzten Serpentinen richtig stürmisch. Am Pass können wir aber eh nicht bleiben – der ist nämlich militärisches Sperrgebiet: Fotografieren und stehen bleiben verboten. Die 3 Minuten, die wir brauchen um Vlieswesten und Windjacken anzuziehen, sind den Soldaten dann auch schon sehr verdächtig. Also gleich zum besten Teil des Ganzen: 60km Abfahrt, von 2200 auf 400 Höhenmeter. Teilweise so schlechte Straße, dass man gar nicht mehr versucht, den Schlaglöchern auszuweichen, teilweise so perfekt asphaltiert, dass man es richtig laufen lassen kann. Das hat zweierlei zur Folge: Der Tacho zeigt am Ende 85,2 km/h Maximalgeschwindigkeit – sicher das schnellste, was ich je mit einem Fahrrad gefahren bin (dasselbe gilt auch für Katharina mit 75km/h).
Beim nächsten größeren Schlagloch allerdings zerlegt sich der Lowrider am Vorderrad und eine Tasche verabschiedet sich in den Straßengraben. Zwei Schrauben sind gebrochen, was sich aber mit Ersatzschrauben schnell beheben lässt.
Im Farghana-Tal selbst treibt uns dann der stürmische Westwind durch Baumwollfelder 200km Richtung Andijan an der kirgisischen Grenze. Morgen geht es über die Grenze nach Osh. Von dort aus trennen uns dann gerade noch 300km (und der Taldik Pass auf 3600 Meter) von China!
Samarkand
Von Buchara geht es weiter nach Samarkand. Usbekistan ist (hier in der östlichen Hälfte des Landes) deutlich grüner als Turkmenistan – und deutlich dichter besiedelt.
Samarkand entspricht so auch gar nicht meiner Vorstellung einer Karawanenstation. Die Stadt ist eigentlich ziemlich grün mit breiten Alleen. Die Jahre als Teil der UDSSR haben hier deutlich Spuren hinterlassen. Es ist eher die Vorstellung, die man von einer sowjetischen Provinzstadt hat – allerdings einer recht entspannten, gut gepflegten. Mit der Besonderheit, dass es etliche historische Bauten (Mausoleen, Moscheen und Mädressen) aus dem 13. bis 15. Jahrhundert gibt. Und man muss den Sowjets zugute halten, dass sie – bei aller Abneigung gegen Religion – den Wert der Bauten erkannt und die vielen vom Zahn der Zeit und den regelmäßigen Erdbeben zerstörten oder schwer beschädigten Baudenkmäler wieder aufgebaut haben.
Auch in der Bevölkerung haben die Zeiten als Sowjetrepublik sichtlich Spuren hinterlassen. Die Usbeken sind ein buntes Völkergemisch aus Usbeken, Russen, Kirgisen, Uiguren, Tadschiken, Koreanern uvm. Zu 90% Muslime – allzu streng nimmt man es mit der Religion aber offensichtlich nicht. Vom Ramadan, den laut Reiseführer über 50% einhalten, ist rein gar nichts zu merken, von der islamischen Kleiderordnung auch nicht.
Wir sind insgesamt 3 Tage in Samarkand. Sightseeing ist aber nur einen Tag angesagt. Den Rest der Zeit ist die wichtigste Sehenswürdigkeit Samarkands die Western-Style-Toilet im Hotel. Zum ersten Mal haben wir echte ernstere gesundheitliche Probleme. Nach 3 Tagen abwechselnd am Klo oder mit Fieber im Bett ohne erkennbare Besserung der Lage müssen Antibiotika her. Damit renkt sich dann auch alles wieder ein. Und es kann weiter gehen.
Historyland Buchara
Seit einige Tagen zeigt die Karte regelmäßig Kamel-Symbole entlang unserer Strecke an. Die Erklärung: Wir bewegen uns jetzt echt die alte Seidenstraße entlang. Und erreichen am zweiten Tag in Usbekistan die historische Stadt Buchara. Zum ersten Mal seit langem sehen wir mal wieder Schönheit – die Stadt hat sich für die unzähligen Touristen, die hier unterwegs sind, ordentlich herausgeputzt, Alt-Buchara ist ein einziges Freiluft-Museum. Autos müssen draußen bleiben, und so kann man hier nach langer Zeit mal wieder entspannt zu Fuß spazieren. Und es gibt richtige Touristen-Infrastruktur mit Hotels, Restaurants und unzähligen Souvenirshops.
Mit 2 Schweizern 5 Tage durch Turkmenistan
Vor dem turkmenischen Konsulat in Mashhad treffen wir Daniela und Matthias. Die zwei sind aus Zürich und wie wir auf Veloausflug nach China. Wie wir wollen sie mit Transitvisum durch Turkmenistan und dann weiter über Usbekistan und Kirgistan nach China. Also beschließen wir mal, ab Mashhad für ein paar Tage als 4er-Kombo zu radeln. Bevor wir Turkmenistan erreichen, sind es noch zwei Tagesetappen an die Grenze.
Turkmenistan selbst ist eigentlich von Anfang an eine positive Überraschung. Sicher: Über den landschaftlichen Reiz Turkmenistans lässt sich streiten, über den Zustand der Straßen nicht – die sind einfach schlecht. Aufgrund von Berichten, die man so über Turkmenistan zu lesen bekommt, erwartet man sich aber einen völlig korrupten, vollkommen isolierten Überwachungsstaat mit geknechteter Bevölkerung – ein zweites Nordkorea.
Das Einreise-Prozedere, dass angeblich ohne Schmiergeld kaum zu überstehen ist, läuft auch ohne zusätzliches Geld wie geschmiert. Es wird zwar eifrig und doppelt und dreifach notiert, registriert, protokolliert. Aber immer freundlich und eskortiert von einer gut englisch sprechenden Zöllnerin. Keine Spur von Schikane oder unnötigen Wartezeiten Das Verhältnis von Beamten zu Touristen ist aber auch mindestens 5:1. Das gleiche beim ersten Check-Point 30km weiter. Hier werden wir nochmal von Soldaten aufgehalten und es werden wieder Reisepass und Reiseroute notiert, überprüft und gegengecheckt. Das dauert seine Zeit, aber sicher nicht unnötig lange – und wir bekommen für die Wartezeit dann auch gleich eine Melone und Brot von den Soldaten spendiert. Bei allen weiteren Check-Points, die es im Abstand von ca. 50 km gibt, werden wir wie die Turkmenen einfach durchgewunken.
Erstes Etappenziel ist Mary, wo uns ein Minibusfahrer zu zwei Hotels bringt, die aber (scheinbar) keine Ausländer aufnehmen. Und weil er uns das teure Ausländer-Hotel nicht zumuten will, landen wir dann bei einem seiner Nachbarn in der Vorstadt.
Bis Mary ist die Landschaft noch völlig flache Steppe mit hie und da ein paar Baumwollfeldern und ziemlich schlechten Straßen. Ab Mary ist die Straße dann in Ordnung und die Landschaft völlig flache Wüste, mit nach und nach immer weniger Orten und schon gar keinen Hotels. Die erste Nacht können wir unsere Zelte hinter einem Kafe in der Wüste aufschlagen, am zweiten Tag kommen wir gerade noch rechtzeitig, bevor der Gegenwind zum Sandsturm wird, an eine Raststation.
Sonja und Boris, zwei Turkmenen, die auch gerade Zuflucht vor dem Sandsturm suchen, spendieren uns gleich mal ein Essen und dazu das, was sie für das optimale Sportgetränk halten: Wodka. Die zwei haben – nach den Blicken der Kellnerin zu schließen – auch für turkmenische Verhältnisse einen unglaublichen Zug drauf, nach 20 Minuten je eine halbe Flasche Wodka intus und fahren weiter. Wir bleiben (nach 4 Wochen Iran-Alkoholabstinenz) mit eineinhalb Flaschen Wodka am Tisch mitten in der Wüste zurück und schlafen dann gleich in der Raststation.
Dann nur mehr eine Etappe bis nach Turkmenabat – die letzte Stadt vor der usbekischen Grenze. Gleichzeitig auch das längste Stück ohne jegliche Zivilisation: 70km pure Wüste ohne Gelegenheit, Wasser zu tanken. Da das Thermometer nun aber deutlich weniger als die 38-40 Grad der Tage zuvor zeigt, reichen die 6-8 Liter Wasser, die wir pro Person dabei haben, mehr als aus.
Nach einer letzten Nacht in Turkmenabat war es das auch schon wieder mit Turkmenistan. Abgesehen von der Visabeschaffung ein völlig problemloses Land. Die Leute (auch Soldaten, Zöllner und Beamten) sind freundlich, von Schikanen durch die Behörden keine Spur. Und der Lebensstandard scheint auch gar nicht so übel zu sein – wenn wir jetzt mal den „Auto-Zustands-Index“ heranziehen. Die Autos der Turkmenen sind im Durchschnitt in einem deutlich besseren Zustand als z.B. im Iran. Andererseits erleben wir es in den 5 Transittagen nur einmal, dass es eine Wasserleitung mit Fließwasser gibt. Egal, ob Privathaushalte oder Gasthaus, Stadt oder Land, die Mehrzahl der Turkmenen geht zum Brunnen und holt mit dem Kübel leicht trübes Wasser.
Turkmenistan ist wohl international immer noch relativ isoliert, es scheint sich aber – wie ein Student (der einzige Turkmene überhaupt, mit dem wir Englisch sprechen konnten) erzählt – seit dem Tod von Türkmenba?y vor zwei Jahren einiges verbessert zu haben.
Der neue Präsident Berdimuhamedow ist zwar immer noch nicht demokratisch legitimiert, hat aber immerhin die bizarrsten Weisungen Turkmenbachis wieder zurück genommen, den internationalen Drogenschmuggel (von Afghanistan nach Russland) eingedämmt und einiges für die wirtschaftliche Entwicklung in die Wege geleitet.
Iran – ein Fazit
Nach über 3 Wochen Iran und in Anbetracht der derzeitigen politischen Lage – ein Fazit:.
Kurz gesagt: Der Iran ist vollkommen anders, als man in Europa denkt – und dann auch wieder nicht.
Kein Iraner ist radikaler Mullah oder Extremist, der danach trachtet, im Namen Allahs gegen „Ungläubige aus dem Westen“ vorzugehen. Für ein Land, das sich als „Islamische Republik“ bezeichnet, sind die Menschen überhaupt überraschend unreligiös. 80% der IranerInnen, die wir kennen gelernt haben, sind das, was man in Europa als Taufschein-Christen oder überhaupt Atheisten bezeichnen würde. Der Anteil der verschleierten Frauen (derer, die es erkennbar ernst meinen) ist auf Teherans Straßen definitiv geringer als z.B. in Istanbul. Die Lebenseinstellung ist, mit allen Vor- und Nachteilen, ziemlich „westlich“ – in den Köpfen sind die IranerInnen genau so viel oder wenig liberal, genau so hedonistisch wie wir EuropäerInnen.
Da sich das aber mit der offiziellen Politik der „Islamischen Republik Iran“ nur schwer vereinbaren lässt, hat fast jeder Iraner – wie es ein Kellner in Tabriz nannte – ein „Secret Life“ mit allem, was dazu gehört: SAT-Fernsehen, westliche Musik und Alkohol. Auch die Zensur vieler Internetseiten lässt sich mit den richtigen Programmen leicht umgehen.
Die Weltoffenheit seiner Bürger kann aber dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Iran eine Regime mit diktatorischen Zügen ist. Ein Land, in dem fast jede Frau, mit der wir reden, schon mal von der Polizei verhaftet wurde – wegen der falschen Kleidung, oder weil sie gemeinsam mit ihrem Freund ganz einfach im Auto unterwegs war. Viel mehr noch: Ein Land, in dem Oppositionelle gefoltert, Menschen für ihre sexuelle Orientierung hingerichtet und Meinungsfreiheit und Menschenrechte mit Füßen getreten werden.
Für uns drängt sich der Vergleich mit der Geschichte auf: Nach 30 Jahren ist die Islamische Revolution so sehr am Ende, wie es die Französische schon nach 3-4 Jahren war. Und hält sich – auch das kennt man von der französischen Revolution – längst nur noch durch Terror und die eigene Radikalisierung am Leben. Gerade sind die „iranischen Jakobiner“ dabei, jene, die noch vor wenigen Jahren an ihrer Seite standen und jetzt den Weg der Radikalisierung und Unterdrückung nicht mitgehen wollen, vor die Blutgerichte zu zerren. Statt Georges Danton oder Camille Desmoulins, sind es heute der frühere Vize- Präsident Mohammad Ali Abtahi (der schon vor Gericht steht), Ex-Präsident Mohammed Khatami oder Oppositionsführer Mir-Hossein Mussavi, die als Verschwörer gegen die Revolution denunziert werden.
Von der Französischen Revolution weiß man, das Robespierre Danton nur um ein paar Monate überlebt hat.Ob und wie die Revolution im Iran ihr Ende finden wird, lässt sich natürlich nicht vorhersagen. Den Rückhalt in der Bevölkerung, den sie einmal gehabt hat, hat sie auf jeden Fall lange verspielt. Wie bei jedem Regime gibt es natürlich auch im Iran noch eine Basis, die dahinter steht – viele Unterstützer scheinen aber Kahmeini und Co nicht mehr zu haben. Wobei wir natürlich mehr die liberalen und weltoffeneren Bevölkerungschichten in den großen Städten kennen gelernt haben – wahrscheinlich sieht das Bild landesweit ein wenig anders aus, die Tendenz ist aber eindeutig.
Trotzdem, die Opposition ist aus der vermeintlich verlorenen Wahl gestärkt hervor gegangen.
Und die Mächtigen wissen das auch: Der Protest ist seit der Wahl im Juni nicht verstummt: Abend für Abend hört man um 22.00h im Schutz der Dunkelheit Menschen über Teheran „Allahu akbar“ und „Marg bar Diktator“ („Tod dem Diktator“) rufen! Das Zeichen der Opposition, ein grünes V, findet man überall in Teheran an Wände gesprayt.
Die meisten IranerInnen die wir kennen gelernt haben, sind dann auch der Meinung, dass das Regime nur mehr ein fragiles Kartenhaus ist, das jederzeit stürzen könnte. Die Frage ist nur, wann und welchen Impuls es dazu braucht – wir haben z.B. Iraner getroffen, die allen Ernstes einen israelischen Angriff befürworten, um das Regime zu stürzen.
Aber darauf wollen die meisten nicht warten – jeder, der kann, versucht irgendwie das Land zu verlassen. Nach England, Canada, die USA und vor allem Australien.
Und die, die hier bleiben, verhalten sich so, wie es wir Österreicher aus den Zeiten der EU-Sanktionen 2000-01 kennen. Jeder, vom Eisverkäufer bis zum Taxifahrer, betont gegenüber uns Ausländern, dass das Bild des Iran im Rest der Welt völlig verzerrt – und der Iran im allgemeinen und man selber im speziellen das Gegenteil seiner politischen Repräsentanten – ist.
Und genau das ist auch das ambivalente Bild, das wir mitnehmen. Wir können einerseits dem Holländer nicht zustimmen, der seit fünf Jahren im Iran lebt und findet „It’s a good country“– dafür läuft zu vieles zu sehr falsch. Andererseits können wir über die vielen Warnungen und die Sorgen, die unsere Fahrt durch den Iran begleitet haben, jetzt nur mehr lächeln.
In Maschad ist alles möglich
Nach 14 Stunden Zugfahrt, sind wir in Maschad – dem religösen Zentrum des Iran – für Schiiten, nach Mekka, die wichtigste Pilgerstadt. So religös, das es für Nicht-Muslime verboten ist von der Pilgerstätte Fotos zu machen (deswegen ein Foto von Wikupedia). Immerhin: Eingelassen in den gigantischen Komplex (es kommen mehr als 1 Million Pilger pro Monat) werden auch nicht Muslime. Zum eigentlichen Grabmal von Ali ar-Ridha kommen wir aber nicht!
Aber wir haben sowieso andere Probleme: Wir stehen da ohne Räder, ohne Gepäck und ohne Turkmenistan-Visum.
Der erste Weg in Maschad führt zum turkmenischen Konsulat. Wir schieben wieder mal Pässe und Zettel mit Referenznummer durch ein diesmal 10×10 cm großes Loch in der Wand. 30 Sekunden später erklärt der Konsul, der immerhin ganz gut englisch spricht, dass die Sache in Ashgabat (auch nach 9 Tagen) noch nicht bearbeitet ist – und überhaupt, wir sollen das Visum in Teheran abholen, wo wir es doch dort beantragt haben. Das Guckloch in der Wand schließt sich.
Nicht wissend, was wir tun sollen, bleiben wir mal einfach stehen. 5 Minuten später öffnet sich das Loch in der Wand wieder. Der Konsul – erstaunt, dass wir noch immer dastehen – erklärt, wir sollen doch in Teheran anrufen und nachfragen. Aber wie, dort spricht ja keiner auch nur ein Wort Englisch? Ich bitte den Konsul, selbst in Teheran anzurufen – und er greift tatsächlich zum Hörer. Aber natürlich „Teheran is not answering the Phone.“ Ich: „What can we do now?“, Konsul: „Nothing!“ Die Luke in der Wand schließt sich wieder.
Was nun dahinter passiert, entzieht sich unserem Vorstellungsvermögen. 2 Minuten später, wir stehen immer noch da, öffnet sich die Luke wieder und der Konsul streckt uns zwei Visa-Antragsformulare entgegen. Eine halbe Stunde und 110$ später kleben die Visa in unseren Pässen.
Nach diesem Erfolg geht es, um die Räder abzuholen, zum Bahnhof in eine Halle, die an ein unaufgeräumtes Caritas-Lager erinnert. Hier steht alles, was der Iraner so mit dem Zug verschickt: Von der Duschkabine über Teekessel bis zum halben Motorrad. Und irgendwo dazwischen tatsächlich wohlbehalten unsere Fahrräder und unser Gepäck.
Räder komplett, alle Visa bis nach Peking im Pass. Morgen geht es endlich wieder aufs Rad und Richtung Turkmenistan!
Im Turbozug nach Mashad
Der Zug ist laut Anzeigentafel im Bahnhof ein „turbotrain“ fährt um 7:15 ab und kommt um 15:00 in Mashad an. Knapp 8 Stunden für rund 900km – das ist ja wirklich ziemlich flott., wie auch das Logo von Iran Railway (siehe links) verspricht
Die Fahrräder dürfen allerdings nicht in den Turbozug und werden am Vorabend voraus geschickt. Das bereitet ein wenig Bauchweh – aber was soll man machen. Wir geben also die Fahrräder am Vorabend auf und gehen am nächsten Morgen zum Bahnhof, wo wir die Räder dann auch schon wieder treffen – an genau der Stelle wo wir sie am Vorabend aufgegeben haben. Es stellt sich heraus, die Fahrräder samt Gepäck werden nicht vor- , sondern nach geschickt. In 3-4 Tagen können wir sie dann in Maschad abholen. Das bereitet uns noch mehr Bauchweh. (Mal abgesehen vom Augenkrebs, den ich bekomme, als ich sehe, dass unsere Räder mit irgendwelchen Aufschriften in Farsi tätowiert worden sind – natürlich mit Lackstift. Aber wurscht.) Wir versuchen klar zu machen, dass wir die Räder und unser Gepäck gerne schneller hätten als in 3-4 Tagen. Kann es wirklich sein, dass der Gepäckwagon so viel länger braucht als der Menschenwagon. Braucht er auch nicht. Der Gepäckzug fährt die 900km über Nacht in 12-13 Stunden. Allein der Transport der Räder von der Gepäckaufgabestelle zur Gepäckverladestelle 50 Meter weiter nimmt 3 Tage in Anspruch. So große Gepäckstücke hätten wir Tags zuvor nämlich gleich bei der Gepäckverladestelle und nicht bei der Gepäckaufgabestelle abgeben sollen – haben wir aber nicht gewusst!
Was tun? Den Transport zur Gepäckverladestelle 50 Meter weiter würden wir jetzt gerne selber in die Hand nehmen – geht aber nicht, weil der Zug schon um 7:15 fährt, der Gepäckverladestelle aber erst um 8:00 aufsperrt. ZumGlück sind die Iraner sehr flexibel: Schnell findet sich ein Gepäckträger der – für 3$ Maut – versichert die Räder in zwei Stunden zuverlässig über die 50 Meter zu bewegen, sodass wir sie am nächsten Tag abholen können.
So wird die Zugfahrt durch die sonst eher langweilige Landschaft des Ostiran wenigstens um einen zusätzlichen Nervenkitzel bereichert.
Gedauert hat sie – die Zugfahrt im Turbozug – dann übrigens nicht 8 Stunden, sondern genau so lang wie der Gepäckzug. Nämlich 14 Stunden, also bis 21.00 Uhr.