„Go to another Country…“

another_countryUnsere Freude über das am Ende doch recht problemlos bekommene Visum für China, verfliegt recht schnell als wir das vor einer Woche beantragte Transitvisum für Turkmenistan in Teheran abholen wollen. Der turkmenische Konsul durchkramt seinen Schreibtisch und unser Akt ist einfach nicht aufzufinden – vielleicht ist die Genehmigung des Visums aus Ashgabat auch einfach noch nicht gekommen. So genau lässt sich das nicht sagen.
Auf unsere Frage was wir da jetzt machen können, hat der Konsul ein ebenso einfache wie eloquente Lösung: „You can go to another Country“
Wenn man aber vom Iran nach Usbekistan will, gibt es nur eine Alternative: Und die ist Afghanistan – auch nicht gerade das Land unserer Wahl.
Also weiter: Wir können ja morgen Nachmittag noch mal kommen, da wird dann sicher alles in Ordnung sein. Wir weisen darauf hin, dass das Konsulat doch Nachmittags nie offen hat. Eine Neuigkeit, die zumindest den Konsul sichtlich erheitert und ihn auf eine noch viel bessere Idee bringt: In Maschad (900km von Teheran entfernt) gibt es noch ein turkmenisches Konsulat, das hat viel bessere Öffnungszeiten – wir sollen doch einfach dort das Visum holen.

…go to Mashad

Mashad war eigentlich nicht direkt auf unserer Route, ist aber auch kein großer Umweg. Also machen wir uns immerhin mit eine VISA-Bearbeitungsnummer vom turkemnischen Konsul im Gepäck auf den Weg um das Visum dort abzuholen. Weil wir nun schon einiges an Zeit verloren haben, das Visum für Usbekistan schon läuft und am 22. August der Rahmadan beginnt, wo wir nicht mehr im Iran sein wollen, diesmal mit dem Zug.
Klingt einfach, ist es aber nicht.

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Zuhause in Teheran

Teheran ist ein gigantischer Moloch – das Zuhause von 15 Millionen Menschen und vermutlich ebenso vielen Autos. Öffentlichen Verkehr gibt es kaum, damit man irgendwie vorankommt, wird die Stadt von zahllosen mehrspurigen Autobahnen zerschnitten. Unsere Versuche, sich zu Fuss einen Weg zu bahnen, scheitern kläglich.

So richtig ankommen, das gelingt uns erst am dritten Tag, als uns Leyli und Payam abholen und bei sich zuhause aufnehmen. Ok, die zwei sind 28 und 27, aber schon seit 2,5 Jahren verheiratet und wohnen bei Payams Eltern, ansonsten ist es hier sehr westlich. Im Haus trägt natuülich niemand Schleier, SAT-Fernsehen versorgt mit internationalen Nachrichten und mit Religion hat keiner was am Hut. Die nächsten Tage bleiben wir für diverse Visa-Erledigungen in Teheran und haben es sehr gemütlich mit Leyli, Payam und Freunden und Familie, die ein- und ausgehen. Und fast immer, wenn wir mit Iranern sprechen, ist ein Thema die geplante Immigration. Hier ist nicht die Frage „Wanderst du aus?“, sondern nur „Wohin geht’s bei dir?“ Leyli z.B. wartet auf Ausreise in die USA, wo ihre Eltern seit Jahren leben. Eine andere Freundin geht nach Australien, eine nach Kanada, usw – Europa scheint hingegen fast unmöglich zu sein. Und: Die gehen alle nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

Am Ende der Woche haben wir zwar noch immer kein Visum für Turkmenistan, dafür diverse Schah-Paläte besichtigt, das Museum der weltreisenden iranischen Omidvar-Brüder und das National Museum of Iran gesehen, sind mit dem Cable Car auf den Tochal, den Hausberg der Teheraner (bis 3200m, der Gipfel liegt auf fast 4000m) und haben viele wunderbare Abende am Balkon mit Leyli und Payam verbracht.

Der lange Marsch

visum_chDurch China ist es ein langer Marsch. Nachzulesen bei Mao. Zum chinesischen Visum auch. Nachzulesen bei uns.
Unseren ersten Anlauf für das China-Visum haben wir mit Zweitpass und über eine Vissaagentur in Wien gemacht. Aber Veloce hat uns eigentlich nur Blödsinn erzählt und das ganze gleich mal kapital verbockt – der Antrag wurde von der Botschaft erst gar nicht angenommen.

Also 2. Versuch in Teheran:
Es ist Sonntag morgen. Wir stehen nach einer dreiviertelstündigen Taxifahrt durch die Rush-Hour pünktlich um 9:00 vor der chinesischen Botschaft in Teheran. Ups! Da stehen und sitzen (auf mitgebrachten Hockern) aber schon eine ganze Menge Leute vor der Botschaft in der Schlange. Wie uns ein Iraner erklärt, seit 6 Uhr früh! Wir haben nochmal Glück: Für Ausländer gibt es einen eigenen Schalter, an dem lang nicht so viel los ist und wir können nach einer halben Stunde unser Begehren nach einem Visum vorbringen. Durch ein 30x10cm Guckloch in der Wand – vorsorglich so angebracht, dass man sich vor den chinesischen Botschaftsmitarbeitern verbeugt. Höflichkeit muss schließlich sein. Die chinesische Botschaftsangestellte, die natürlich nicht ein Wort Englisch spricht, gibt uns das Antragsformular nach genau 2 Sekunden wieder zurück. Wir haben das zweiseitige Formular auf zwei Seiten ausgedruckt – es muss aber auf einem Blatt, vorne und hinten bedruckt sein. Ordnung muss sein. Ein zweiter Botschaftsmitarbeiter verrät uns außerdem, dass wir sowieso ein offizielles Schreiben der österreichischen Botschaft benötigen, in dem steht, dass wir nach China reisen wollen.
30 Sekunden später stehen wir also wieder draussen. Ohne einen Schimmer, wo die österreichische Botschaft sein könnte. Und weit und breit kein Internetcafe, in dem man das recherchieren könnte. Aber wir stehen nur kurz verloren herum, dann hält schon ein zufällig vorbeikommender Iraner und bietet seine Hilfe an. Er ruft die Auskunft an, erfragt die Adresse der österreichischen Botschaft und schreibt sie in Farsi auf einen Zettel. Damit bewaffnet, geht’s im Taxi zur österreichischen Botschaft. Vor der Botschaft das selbe Bild: lange Warteschlangen. Auch hier haben wir Glück und werden als Österreicher gleich eingelassen. Nach 30 Minuten und 1,2 Millionen Rial (= 90 Euro) Bearbeitungsgebühr haben wir zwei Stück offizielles Papier mit Stempel und Unterschrift des Botschafters in der Hand, auf dem nichts mehr steht, als dass wir gerne nach China reisen würden.

Fehlt noch das richtig bedruckte Formular. Nur hat die Botschaft sowieso schon geschlossen und sperrt erst in zwei Tagen wieder auf. Also fast 48 Stunden Zeit um das Formular nochmals richtig auszudrucken und auszufüllen.

Zwei Tage später stehen wir also wieder vor dem 30x10cm Guckloch, durch das irgendwann mal unser China-Visum kommen soll. Wir schieben Kopien unserer Pässe, Kopien der Iran-Visa, Passfotos, 2-seitig bedrucktes und ausgefülltes Formular und das offizielle Schreiben der österreichischen Botschaft über den Tresen. Und bekommen das ganze 2 Sekunden später wieder zurückgeschoben.
Die Formulare werden nur angenommen, wenn sie mit dem Computer ausgefüllt sind. Moment mal: Die Iranerin am Schalter 2 hat doch auch gerade ein handgeschriebenes Formular abgegeben!
Das gilt nur für Ausländer! Iraner dürfen auch mit der Hand ausfüllen – die müssen sich ja auch 3-4 Stunde in der Schlange anstellen. OK das leuchtet ein!


Also stehen wir wieder mal ein bisschen desperat vor der Botschaft. Und treffen einen iranischen Leidensgenossen. Er hat den Fehler gemacht, auf einer Kopie ein Datum mit einem Leuchtstift hervorzuheben. Die Vorschrift sagt aber, dass Kopien, auf denen irgendetwas mit einem Leuchtstift angestrichen ist, nicht angenommen werden.
Und wieder haben wir Glück im Unglück. Der Iraner kennt ein Reisebüro 200 Meter weiter, in dem das Formular am Computer ausgefüllt wird (und für ihn die Kopien angefertigt werden).
Eine Stunde später haben wir ein adäquat ausgefülltes Formular und bücken uns wieder mal zum 30x10cm Guckloch.

Die Botschaftsmitarbeiterin auf der anderen Seite spricht noch immer kein Wort englisch. Aber das Grinsen auf ihrem Gesicht verrät, dass wir es jetzt geschafft haben – fast!
Wir haben auf dem Formular als Aufenthaltsdauer 3 Monate, Double-Entry angekreuzt. Das geht, wie uns die herbeigerufene Kollegin erklärt, natürlich nicht. Es gibt nur 30 Tage mit Double-Entry oder 60 Tage mit Single-Entry.
Auf dem Formular ist beides nicht vorgesehen – aber da muss man halt ein bisschen flexibel sein!

2 Tage, und eineinhalb Stunden Schlangestehen später, spuckt das 30×10 cm Loch der chinesischen Botschaft ein 60-Tage China-Visum aus.

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Endspurt nach Teheran

In Qazvin gibt es wieder ein Hotel – ein Angebot, dass wir gerne annehmen. Es verfügt sogar über den besonderen Luxus einer „western style toilet“. Und weil das Bad zum Zimmer gehört, kann ich sogar in der Nacht aufs Klo, ohne sich aus der Decke einen Tschador zu basteln. Kurz gesagt, am nächsten Morgen hat uns dieser Luxus so gut erholt, dass wir die Überlegung, in den Bus einzusteigen, verwerfen. Beleidigter Magen hin, Hitze her, wir radeln weiter.

Hier ist auch schon mehr los – ab Quazvin ist die Landschaft flach, dichter besiedelt und wird landwirtschaftlich genutzt. Das merkt man auch am stärker werdenden Verkehr. Ungestörtes Campen in der Natur gibt es daher nicht, und ein Hotel? In Abhar fuehrt uns ein freundlicher Iraner zu den zwei vorhandenen Hotels: eines ist voll, das andere empfindet er als nicht zumutbar fuer uns – und laedt uns kurzerhand zu seiner Familie nach Hause ein. Dort gibt es Abendessen, ZDF-Fernsehen (Satellitenempfang ist im Iran zwar verboten, hat aber trotzdem jeder) und eine wegen der zwei Fremden aufgeregt herumwirbelnde 5-jährige Tochter. Und am Ende wird uns sogar das Schlafzimmer für die Nacht überlassen. Wow!

Am nächsten Tag nähern wir uns dem „Stadtrand“ von Teheran. Wobei die Vorstädte der 12-Millionenmetropole Teheran eigentlich 100km vom Stadtzentrum entfernt beginnen. Allein Karaj, ein „Vorort“ 45km vor Teheran hat 3,5 Millionen Einwohner. Aber das alles beobachten wir laengst aus dem Bus, denn hier ist der Verkehr bereits so dicht, dass an entspanntes Fahren nicht mehr zun denken ist.

In Teheran folgt noch eine kleine Odyssee, bis wir (nur mit Hilfe einer Einheimischen) ein Taxi finden, dass uns samt Raedern zu einem Hotel transportiert.

Durch die Wueste (Teil 1 von vielen)

Nach zwei Tagen in Tabriz machen wir uns auf den Weg Richtung Teheran. Das ist Anfangs ganz schön zach. Denn viel zu sehen gibt es hier nicht. Keine Menschen, keine Bäume. Nur ein Asphaltband, dass sich durch die Steppe zieht. Das macht die Versorgung in mehrerlei Hinsicht schwierig: Wasser, Schatten, Essen, Schlafplätze – alles Mangelware. Alle 40km gibt es eine Baracke, in der man Wasserflaschen kaufen kann, gekuehlt in einem Brunnen – und wenn man mutig ist, auch was zu essen. Essen in Dosen, Glaesern und Schachteln ist aber im allgemeinen abgelaufen. Immerhin sind die meisten Ladenbesitzer so ehrlich, uns gleich klar zu machen, dass Tomaten oder Thunfisch aus verrosteten Dosen nichts für europäische Magen ist. Die Sache mit dem Wasser unterschätze ich dann gleich mal ein bisschen. Trinke zu wenig und hole mir einen leichten Sonnenstich. Am nächsten Tag wird dann bei jeder Gelegenheit Wasser getankt, auch (angeblich ist das unbedenklich) aus Brunnen. Das schützt vor allzu großem Flüssigkeitsverlust – dafür sind nun Magen und Darm beleidigt.
Immerhin, Schlafplätze finden sich durch glückliche Fügungen des Schicksals dann doch. Eine Nacht schlafen wir in einem Stützpunkt des Roten Halbmond, in der naechsten duerfen wir unsere Zelt bei einem Melonenhändler am Straßenrand aufbauen.

Positiv immerhin ist, dass dieser Teil des Iran nicht so heiß ist, wie er auf den Fotos aussieht. Es ist zwar ordentlich warm, aber nicht schwül. So ist Radfahren mit langen Hosen (kurze Hosen sind auch für Männer verboten), langem Hemd und Schleier zwar nicht das Gelbe vom Ei, aber immerhin noch erträglich!

Lunch mit Dr. Ahmadin…

achmadinSightseeing in Tabriz, so weit so gut. Doch irgendwann lässt sich das Unvermeidliche nicht mehr länger hinauszögern, ich brauche ein Klo. Praktischerweise spazieren wir wenig spaeter an einem Kino vorbei, einige Menschen im Foyer, es scheint geöffnet zu sein. Doch als ich hineinflitzen will, stoppt mich ein Security – er hat aber Verständnis, geht nachfragen, und kommt wenig später mit der offiziellen Toilettenbenutzungserlaubnis. Und was wirklich im Kino passiert, erfährt inzwischen Christoph vom Sicherheitsmenschen „This is a political meeting for Dr. Ahmadin…, our president. Everybody loves him.“

War wohl noch nicht so ganz überzeugend, denn als wir schon um die nächste Ecke biegen, holt uns der Mann noch mal ein – um uns zwei Lunchboxen als Geschenk vom Präsidenten persönlich zu überreichen.

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Typisch Iran

Soodi und Dani holen uns im Auto von unserem Hotel ab. Wie sich herausstellt, ist es nicht ihres, sondern das von Danis Eltern. Denn die beiden sind gerade dabei, alle Zelte im Iran abzubrechen. Sie, Soodi, lebt schon seit zwei Jahren als permanent resident in Australien, und jetzt schlagen die beiden die Zeit tot, bis endlich auch das Visum von Dani fertig ist. Seine Apotheke, das Auto und alle Sachen sind schon verkauft. Waehrend sie uns das erzaehlen, kurven wir durch den hektischen Verkehr von Tabriz vorbei an den wichtigsten Sehenswuerdigkeiten und landen schliesslich im El-Goli-Park auf einem Huegel ueber der Stadt. Hier sind am Abend die Massen unterwegs, Donauinselfest mal 3, aber alle mit dem Auto angereist. Tabriz ist im Iran bekannt fuer sein kuehles Klima, und hunderte Iraner campen deswegen in Zelten auf jedem gruenen Flecken, der noch nicht von einem Auto besetzt ist. Aber keinen scheint das Chaos zu stoeren, die Leute wirken voll zufrieden. Nicht so Soodi, die schon seit Jahren versucht, den Iran zu verlassen. Antraege fuer England und Kanada, ein Jahr in Thailand, schliesslich ist es Down Under geworden: Waehrend sich ihre Geschwister, wie sie sagt, mit den Verhaeltnissen in ihrer Heimat arrangiert haben, konnte sie diesen Kompromiss nicht eingehen. Besser ganz unten nochmal anfangen als den Wohlstand unfrei geniessen. „Lieber mit dem Fahrrad nach Usbekistan als mit dem Porsche ins Buero“ ist auf iranisch ungleich dramatischer.

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Kultur-Schock-Therapie Tabriz

In Tabriz angekommen erledigen wir einmal Organisatorisches: Geldwechsel (400 Euro ergeben 5 Millionen Rial), Kartenmaterial und ein hitzetaugliches Kopftuch kaufen usw.
Am schwierigsten ist freilich, sich auf den iranischen Alltag einzustellen. In Bussen müssen Frauen und Männer getrennt sitzen – in Zügen ist das aus irgendeinem Grund nicht so. Es gibt etliche Biersorten zu kaufen. Alleine, alle sind alkoholfrei und haben auch sonst recht wenig mit Bier zu tun, schmecken aber immerhin gar nicht so schlecht.
Echtes iranisches Essen zu bekommen, ist ziemlich schwierig. Dafür gibt es an jeder Ecke Hamburger und Milkshakes. Internetcafes sind vorhanden, allein die Hälfte aller Internetseite ist zensuriert. Auf den Straßen drängen sich die Menschenmassen, der Verkehr ist laut und chaotisch. Die Iraner sind freundlich und interessiert, doch scheinen sie mich gar nicht wirklich zu bemerken. Gut, wir haben ja vorher gelesen, dass das hier als respektvolle Behandlung von Frauen gesehen wird… aber in Wirklichkeit ist es dann doch noch mal anders, wenn der höfliche ältere Herr Christoph an den Zweiertisch im Lokal bittet und ich irgendwo dahinter alleine an einem Tisch Platz nehmen muss.
Also höchste Zeit, Soodi und Dani anzurufen, die zwei jungen Iraner, die wir am Bahnhof kennen gelernt haben.

In den Iran – ein kafkaeskes Schloss mit sieben Siegeln

Die Einreise in den Iran entwickelt sich zum epochalen kafkaesken Roman. Anders als bei Kafka aber immerhin mit Happy End!

Die letzten Kilometer in der Türkei radeln wir – nach dem insgesamt 4 Reifenpanne – nochmal bergauf, der Grenzübergang Kapikoy-Razi liegt auf über 2000 Metern. An der Grenze ist wenig bis gar nichts los, ein türkischer Zöllner taucht auf und fragt, ob wir in den Iran wollen, um gleich darauf deutlich zu machen: „It’s impossible, the gate is closed“. Es stellt sich heraus, dass an der Grenze nur Waren- und Zugverkehr statt findet. Der Grenzübertritt auf der Straße ist nicht möglich – vielleicht in 2-3 Monaten wieder.

Die gute Nachricht: In ein paar Stunden kommt der Zug und wir können einfach an der Grenzkontrolle in den Zug einsteigen, über die Grenze fahren und dann wieder aussteigen. Also wieder 2 Kilometer zurück zum Grenzbahnhof.

Damit beginnt das lange Warten: Es heißt jetzt, dass der Zug erst in der Nacht zwischen 2 und 3 Uhr Früh fahren wird. So werden wir für die nächsten Stunden Teil der Schicksalsgemeinschaft derer, die die türkische Bürokratie hier in die kurdischen Berge verschlagen hat: Polizisten, Zöllner , Bahnbedienstete. Alle arbeiten am Grenzbahnhof und leben gleich daneben in den 4-5 Blocks mit Dienstwohnungen. Sonst gibt es nichts: keinen Laden, kein Restaurant, nicht einmal eine Moschee!

Der Postbeamte, der keine Dienstwohnung hat, sondern praktischerweise gleich im Postamt selbst wohnt, versorgt uns die nächsten Stunden mit Tee, selbst gekochtem Abendessen und etlichen Schachteln selbst importierten Zigaretten. Wir versuchen zu erklären, dass radfahren und Marlboro nicht so gut zusammen passen. Einziger Erfolg. Statt Marlboro wandert nun ein ums andere Päckchen Light-Zigaretten über den Tisch.

Auch Hüseyn, der Zöllner, kommt auf einen Tee im Postamt vorbei, um uns ein paar der frisch beschlagnahmten Schmuggel-Zigaretten zu schenken. Und weil er schon dabei ist, lädt auch er uns in seine Dienstwohnung ein, um uns seine original Van-Katze zu zeigen.

So wird es langsam Nacht und es spricht sich herum, dass der Zug wohl doch erst um 6 Uhr in der Früh fährt. Also legen wir uns zum Schlafen in den Wartesaal. Es ist 8:30, als uns ein Polizist weckt, um zu sagen, dass der Zug wahrscheinlich um 10 Uhr kommt.

Was diesmal auch stimmt. Die Passkontrolle dauert dann noch einmal 2 Stunden. Um 12 Uhr werden die Zugtüren plombiert und es geht endlich Richtung Iran.

Der Plan, nach der Grenze wieder aus dem Zug auszusteigen, scheitert daran, dass der Zug hier nicht stoppt – die iranische Passkontrolle findet erst 100km weiter statt. Eine Wagentüre bleibt trotzdem unplombiert und bietet den Mitreisenden die willkommene Gelegenheit, kurz nach der Grenze die Säcke mit dem Schmuggelwaren aus dem fahrenden Zug zu werfen.

Die Passkontrolle verläuft dann problemlos. Ein iranischer Zöllner sammelt mit dem überall auf der Welt gleichen skeptisch-ernsten Zöllnerblick alle Pässe ein, ein Arzt misst bei allen Reisenden die Temperatur und verteilt Zetteln mit ganz speziellen Hygiene-Tipps „Schneuzen Sie sich nicht in die Hand, sondern in den Hemdärmel.“ Nach weiteren zwei Stunden Wartezeit bekommen wir die Pässe wieder zurück. Unser Gepäck wird nicht kontrolliert.

Unsere erste Station im Iran: die Millionenstadt Tabriz.

Tatvan – Vansee – Van

Nach über 2000km quer durch die Türkei (und insgesamt 4200km seit Wien) sind wir im äußersten Südosten der Türkei angelangt. Begrüßt wird man hier auf der Straße längst mit „Welcome to Kurdistan!“

Das Klima ist recht Radfahrer-Freundlich. Weil hier alles auf einem riesigen Plateu und über 1500 Meter Seehöhe liegt, sind die Temperaturen angenehm und es ist trotzdem weniger hügelig als an der Schwarzmeerküste: Von Erzurum fahren wir Richtung Süden rund um den Süphan (mit 4058m zweithöchster Berg der Türkei) einen kleinen Umweg zuerst ans Westufer des Vansee – gröter See der Türkei und sieben Mal größer als der Bodensee. Mit der Eisenbahnfähre tuckern wir am nächsten Tag fünf Stunden lang quer über den See nach Van am Ostufer. Obwohl das Wasser sauber und die Seeufer eigentlich einladend sind, geht trotzdem kaum jemand schwimmen.
Außer die nach dem See benannten Vankatzen. Eine uralte Katzenrasse und angeblich die einzigen Katzen, die freiwillig im Wasser schwimmen um Fische zu fangen. Und obwohl es davon angeblich nicht mehr so viele gibt, entdecken wir am Abend sogar eine am typischen Fell (weiß mit farbigen Schwanz) gut zu erkennende original Van-Katze. Allerdings nicht im See, sondern hinter einem Mistkübel.

In Van gibt’s noch einen Pausetag zum Geldwechseln und Iran-konforme Kleidung kaufen – heute mit dem Rad noch mal 100km auf 2000 Metern Seehöhe und trotzdem völlig flach bis kurz vor die Grenze. Morgen Früh fahren wir in den Iran!